SCHWARZ (BLACK)


Nordwestzeitung print 26.05.2008 / UA Schwarz

Von Musiklandschaften im Kopf
URAUFFÜHRUNG Ellen Fellmanns Quartett für Vulkansand und Streichinstrumente


FORMATIONEN BELEBEN DIE FANTASIE. EIN AUDIOVISUELLES QUARTETT BEFLÜGELT IM EDITH-RUß-HAUS.

VON HORST HOLLMANN

OLDENBURG - Musiklandschaften entstehen, angeregt durch die jeweilige Komposition, in der Fantasie. Bei Ellen Fellmann ist das anders. Bei ihr baut sich die Landschaft real auf, projiziert auf drei nebeneinander liegende Leinwände. Aber die Kurven, Flächen, Linien und Formationen in ihrem audiovisuellen Streichquartett „Schwarz“ engen die Vorstellungskraft nicht ein. Sie beflügeln sie bei der Uraufführung im Edith-Ruß-Haus eher.

Der klassischen Streichquartett-Besetzung fehlt im halbstündigen Werk der international beachteten Videokünstlerin und Komponistin eine der beiden Violinen. Zu Johannes Haase (Violine), Jessica Rona (Viola) und Katrin Langewellpott (Violoncello) stößt als vierte Stimme ein Bild-Toninstrument.

Dieses formt aus den Bewegungen von Vulkansand in Schwarz-Weiß die schwingenden Bewegungen oder ruhenden Flächen. In der Fantasie entsteht daraus eine Mischung aus breiten Pinselstrichen, Draufsichten auf fremde Planeten, Flügen von Vogelschwärmen oder eben Rutschen von Vulkankieseln. Die elektronisch erzeugte Musik lässt an Wind und Wellen, deren Wucht sich heftig steigern kann, denken.

Wenn sich die Violine mit einem kaum ortbaren Schaben am Steg ins Spiel bringt, wenn die Bratsche scharrt, das Cello pfucht, dann sind die Hierarchien aufgelöst. Die ungewöhnliche vierte Stimme illustriert nicht, sie ist den anderen gleichwertig, regt die „Mitspieler“ an, lässt sich von ihnen ziehen. Das funktioniert nach einem fein abgestimmten Rhythmus. Die Projektion „schweigt“ nur, wenn die drei herkömmlichen Instrumente in einer internen Zwiesprache einen Ruhepunkt setzen.

Einst bestimmten Tage der Neuen Musik wie die in Donaueschingen oder Witten die Trends. Längst hemmt dort der Originalitätsstress die musikalische Eingebung. Neue Musik entfaltet sich heute an den stilleren Orten, wie hier im Rahmen des oh-ton-Projektes „klangpol“. Da darf Ellen Fellmann auf ihre innere musikalische Stimme vertrauen und zeigen: Neuer Musik stehen noch viele Wege offen, vielleicht sogar zu einem breiteren Publikum.

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